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Mandy
Kritik der falmouthhistoricalsociety.org-Redaktion
4,5
hervorragend
Mandy
Von
Seit ein paar Jahren überschwemmen immer mehr Nicolas-Cage-Filme den Heimkinomarkt. Aber obwohl die meisten davon ziemlicher Schund sind (etwa „Vengeance“ oder „Arsenal“), ist auf den einstigen Action-Megastar („The Rock“, „Con Air“) immerhin insofern Verlass, dass er selbst den allergrößten DVD-Gurken allein mit seinem wilden Grimassieren zumindest noch ein klein wenig Leben einflößt. Irgendwo muss er halt hin mit diesem Wahnsinnstalent (oder passender: Talent zum Wahnsinn), das ihm vor 22 Jahren verdientermaßen den Oscar für seine Rolle als todessehnsüchtiger Alkoholiker in „Leaving Las Vegas“ eingebracht hat.

Aber in dem „Beyond The Black Rainbow“-Regisseur Panos Cosmatos scheint Cage nun seinen Meister gefunden zu haben: Denn während die Hollywood-Ikone als Heavy-Metal-Holzfäller zumindest in der ersten Hälfte noch mit angezogener Handbremse agiert, wirkt Cosmatos‘ psychedelische Horror-Hommage „Mandy“ bereits von der ersten Szene an wie ein abgefuckt-nostalgischer LSD-Trip direkt in die (Videotheken-)Hölle! Und wenn sich Cage schließlich vor einer gelb-orangenen 80er-Jahre-Blümchentapete ganz ohne CGI und grüne Farbe in einen wütenden Hulk auf Rachemission verwandelt, dann steigt der Wahnsinnspegel nicht nur endgültig in ungeahnte Höhen, es entsteht dabei auch noch eine der ästhetisch und akustisch ambitioniertesten Horrorerfahrungen seit vielen Jahren.

Die im Jahr 1983 in einer mythisch angehauchten Waldlandschaft angesiedelte Handlung ist dabei relativ egal: Nachdem eine Gruppe von Jesusfreaks um den offensichtlich an Minderheitskomplexen leidenden Sektenanführer Jeremiah Sand (Linus Roache) seine Frau Mandy (Andrea Riseborough) bei lebendigem Leib in einen Sack gesteckt und verbrannt hat, begibt sich der Holzfäller Red Miller (Nicolas Cage) mit einer schnell noch selbst geschmiedeten Hellebarde, einer ganz besonderen Armbrust sowie einer tiefen Nase voll Koks auf einen erbarmungslosen Rachefeldzug...

Nach dieser Zusammenfassung der Handlung könnte man leicht auf die Idee kommen, so einen Film wie „Mandy“ doch schon hundertmal gesehen zu haben. Warum also der ganze Hype nach der Premiere beim Sundance Filmfestival? Weil man mit dieser Vermutung maximal danebenliegt! Zunächst einmal ist „Mandy“ nämlich, auch wenn vom Plot über das Poster bis hin zu Cages aktueller Filmauswahl alles darauf hindeutet, absolut kein Trash im Sinne von Videothekendreck, sondern fast schon als experimentell-avantgardistisch zu bezeichnende Leinwandkunst. Deshalb begeistert „Mandy“ eben auch nicht nur Gorefans, sondern etwa auch die Besucher beim ehrwürdigen Filmfestival in Cannes.

„Mandy“ ist eben keiner dieser inzwischen massenhaft produzierten Meta-Filme, in denen das Grindhouse-Genre „Machete“-mäßig einfach nur ein wenig ironisch gebrochen wird – halt so für den schnellen Spaß zwischendurch. Stattdessen hat Cosmatos die Ästhetik des Horrorkinos der Siebziger und Achtziger (inklusive des Videotheken-Bodensatzes) ganz, ganz tief in sich aufgesogen, sie dann noch mit unzähligen Covern von Heavy-Metal-Alben gewürzt, und sie schließlich mit jeder Menge Nebelmaschinen, Rotlichtern, Stroboskopeffekten, Farbfiltern und vor allem dem grandios-grollenden Metal-Score von Jóhann Jóhannsson zu einer unvergleichlichen audiovisuellen Tour-de-Force verarbeitet.

Der isländische Denis-Villeneuve-Stammkomponist („Arrival“, „Prisoners“) ist erst im Februar mit nur 48 Jahren in Berlin überraschend verstorben, die Filmmusik zu „Mandy“ ist sein letzter fertiggestellter Score. Aber wer jetzt glaubt, es wäre doch irgendwie tragisch, wenn einer der Großen des Fachs nicht etwa mit einem seiner zwei oscarnominierten Scores zu „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und „Sicario“, sondern mit dem Brüll-Sound zu einer B-Movie-Schlachtplatte abtritt, der ist ganz schön schief gewickelt. „Mandy“ wird zwar bei den Oscars im nächsten Jahr keinen Pfifferling gewinnen, weil Filme wie „Mandy“ bei den Oscars nie einen Pfifferling gewinnen, trotzdem glauben wir nicht, dass in diesem Jahr noch jemand eine bessere Original-Filmmusik abliefern wird als Jóhannssons „Mandy“-Gewumme – ein absolut würdiges Vermächtnis!

„Mandy“ ist eine fast schon halluzinogene ästhetische Erfahrung von grausamer Schönheit – mit Bildern, die bewusst so grobkörnig daherkommen, dass man tatsächlich jederzeit glauben könnte, sich hier gerade eine einst verschollene 35mm-Kopie aus den Achtzigern anzusehen. Die Vorbilder, denen hier im Speziellen gehuldigt wird, sind dabei nicht allzu schwer auszumachen, schließlich metzelt sich Cage nicht nur durch einen Haufen Sektenspinner, sondern auf gewisse Weise zugleich auch durch die Genregeschichte: So erinnern die übernatürlichen Handlanger der Jesusjünger sicher nicht von ungefähr an die Clive-Barker-Kreationen aus „Hellraiser“, während ein Kettenmassaker wie schon 1974 bei Tobe Hooper auch hier in einem ultimativ-blutigen Wer-hat-den-Längeren-Vergleich kulminiert.

Weit weniger gelungen sind hingegen jene Anspielungen, die sich allein auf die Nennung eines aus dem Horrorgenre bekannten Namens oder Ortes beschränken. So wird zum Beispiel an einer Stelle erwähnt, dass der Crystal Lake ja ganz in der Nähe liege (wobei Crystal Lake natürlich auch der See ist, in dem der spätere Hockeymasken-Machetenschlächter Jason Vorhees aus der „Freitag, der 13.“-Reihe als Kind ertrunken ist). Einige Fans werden sich sicherlich auch daran erfreuen können, aber uns hat dieses plumpe Namedropping immer wieder kurz aus dem Film gerissen, vor allem eben auch, weil „Mandy“ ansonsten ja gerade nicht als platte Trash-Parodie daherkommt.

Wer nicht zumindest an der historischen Ästhetik des Horrorgenres interessiert ist, wird sich in der ersten Hälfte von „Mandy“ ein wenig durchbeißen müssen, denn hier stehen definitiv die Bilder und die Musik und nicht etwa die Handlung oder der Splatterspaß im Vordergrund. Aber nachdem der Cheddar-Goblin den Kindern in der TV-Werbung erst mal ihr Nudelgericht auf die Teller gekotzt hat, kommen zunehmend auch Gore-Fans auf ihre Kosten: Nachdem Cage erst einmal mit blutverschmiertem Gesicht und koksgepuderter Nase einen szenenapplausprovozierenden Bruce-Campbell-in-Evil-Dead-Gedächtnis-Blick hingelegt hat, rollen die Köpfe und schmelzen die Gesichter, wie es sich für eine 80er-Trash-Hommage eben gehört.

Apropos Cage: Auch wenn der „Ghost Rider“-Star inzwischen in so ziemlich jedem Interview wirkt, als sei er einfach ziemlich durch, liefert er in „Mandy“ tatsächlich noch einmal eine seiner besten Performances seiner mehr als 40 Jahre umspannenden Karriere ab – und wenn nun jemand behaupten würde, er wäre nie besser gewesen, würden wir uns zumindest nicht beeilen, ihm zu widersprechen. Man mag sich bei seinen 08/15-Thrillern hier und da darüber beömmeln, wenn Cage mal wieder den Irrwitz in seinem Gesicht so weit hochfährt, dass es wirkt, als spiele er nicht nur in seinem eigenen Film, sondern in seinem eigenen Universum, aber in „Mandy“ passen Film und Star einfach perfekt zusammen – denn niemand beherrscht puren Wahnsinn auch nur ansatzweise so gut wie Cage!

Fazit: Panos Cosmatos knöpft sich in seinem zweiten Spielfilm den Look und Sound der abseitigen Horrorkunst der 1970er und 80er Jahre vor und perfektioniert beides bis zur ästhetischen Meisterschaft – eine fast schon avantgardistisch anmutende Horror-Hommage. Aber keine Angst, saumäßig-spaßig und abgründig-abgefahren ist „Mandy“ spätestens in der zweiten Hälfte trotzdem, wenn sich Nicolas Cage mit selbstgeschmiedeter Hellebarde und den wohl wahnsinnigsten aufgerissenen Augen der Kinohistorie durch eine Gruppe von Jesusfreaks schnetzelt.

Wir haben „Mandy“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er in der Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ gezeigt wurde.
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