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Deadpool 2
Kritik der falmouthhistoricalsociety.org-Redaktion
3,5
gut
Deadpool 2
Von
Im Vorfeld des Starts von Tim Millers Verfilmung der „Deadpool“-Comics 2016 herrschte eine gewisse Skepsis – das R-Rating, durch das Jugendliche unter 17 nur mit den Eltern ins Kino können, und die umstrittene Besetzung des fluchenden Söldners mit Ryan Reynolds, dem viele Genrefans nach „Green Lantern“ nicht trauten, dämpfte die Erwartungen. Und so waren selbst optimistische Branchenkenner überrascht, als die Actionkomödie sich zum Megahit mauserte und mehrere Rekorde aufstellte: der beste Start eines Filmes mit einem R-Rating, der erfolgreichste Start aus dem Hause 20th Century Fox, der beste Februar-Start aller Zeiten. Hierzulande ist „Deadpool“ mit 2,67 Millionen Zuschauern sogar eine der erfolgreichsten Comicverfilmungen überhaupt - trotz der FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Und nachdem uns der selbstreferenzielle (Anti-)Held im ersten Teil schon so treffend erläutert hat, dass ein Sequel zu einer erfolgreichen Superheldenmarke einfach dazugehört, kommt nun die Fortsetzung „Deadpool 2“.

Das Studio ist durch den Erfolg des Auftaktfilms deutlich mutiger geworden und stellte den Machern für die Fortsetzung direkt das Dreifache des Original-Budgets zur Verfügung. Regisseur Tim Miller, der mit „Deadpool“ die Gelegenheit erhalten hatte, als Langfilmdebüt einen groß angelegten Studiofilm zu inszenieren, räumte allerdings nach kreativen Differenzen mit dem Hauptdarsteller das Feld und übergab das Regiezepter an Stuntman und Actionfilmexperte David Leitch. Zumindest auf inszenatorischer Ebene erweist sich der selbst erst seit vier Jahren als Regisseur tätige Filmemacher als Glücksgriff: „Deadpool 2“ ist visuell um einiges raffinierter als der im Vergleich zur Big-Budget-Superheldenkonkurrenz bewusst klein gehaltene erste Teil. Darüber hinaus gibt es wieder Gags und Popkulturreferenzen am laufenden Band. Doch so ganz frisch fühlt sich das im Sequel nicht mehr an - nicht zuletzt, weil sich die Story in „Deadpool 2“ erneut als größter Schwachpunkt erweist.

In Wade Wilsons alias Deadpools (Ryan Reynolds) Leben läuft es einfach nicht rund. Nach einem weiteren herben Schicksalsschlag ist der unter seiner Latexmaske entstellte Superheld wider Willen des Lebens überdrüssig und versucht, sich mithilfe von Benzinkanistern und einer Zigarette umzubringen. Doch der unkaputtbare Heros wird von seinem X-Men-Kumpan Colossus (Stefan Kapicic) gerettet und mit auf das abgeschiedene Anwesen der Mutanten genommen, wo Deadpool auch die mittlerweile erwachsene Mutantin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) wiedertrifft. Durch einen Zwischenfall mit dem Teenager-Mutanten Russell (Julian Dennison), der sich aus gutem Grund den Namen Firefist gegeben hat, lernt Deadpool den Superschurken Cable (Josh Brolin) kennen, der es auf den wütenden Halbstarken abgesehen hat. Zunächst kann Deadpool die Situation entschärfen – doch dann landen Russell und er plötzlich im Knast. Nun stellt er sich seine eigene Superheldencrew zusammen und rekrutiert unter anderem Domino (Zazie Beetz) und Zeitgeist (Bill Skarsgård), um es mit Cable aufzunehmen…


Wenn sich am ersten „Deadpool“-Film etwas kritisieren ließ, dann war das in erster Linie die Story. Ohne Deadpool in der Hauptrolle, der sich auch im zweiten Teil im Minutentakt über sein Mitwirken in einem Comicfilm lustig macht, wären sowohl der erste und noch mehr der zweite Teil weitgehend generische Superheldenblockbuster. Das fiel im ersten Films jedoch gar nicht so sehr ins Gewicht – Wade Wilsons draufgängerische, vor nichts und niemandem haltmachende Attitüde war schließlich so noch nie dagewesen und besaß deshalb einen entsprechend hohen Überraschungsfaktor. Deadpools Gags, Flüche und (selbstreferenzielle) Anspielungen waren mal plump, mal treffsicher, aber immer unvorhersehbar. Und die extrem hohe Pointendichte machte es schier unmöglich, an „Deadpool“ keinen Spaß zu haben. Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn die Macher an der bewährten Erfolgsformel festhalten, trotzdem erweist sich das in „Deadpool 2“ als kleines Problem.

Schon vor der erneut gelungen unkonventionellen, diesmal mit einer theatralischen Celine-Dion-Powerballade unterlegten Vorspannsequenz, gibt die meilenweit gegen den Wind zu riechende Katastrophe im Prolog die Richtung vor: Hier geht handlungsmäßig erneut alles seinen allzu gewohnten Superheldenblockbustergang, nur dass es der Titelfigur hier nicht mehr ganz so spielend leicht gelingt wie im Vorgänger, darüber hinweg zu scherzen. Wenn er sich zwischendurch entweder kopfschüttelnd über das Geschehen amüsiert oder das Publikum direkt darauf aufmerksam macht, was es da gerade eigentlich für einen stumpfsinnigen Schwachsinn anschaut („CGI-Kampf in 3, 2, 1…“), dann ist das zwar immer noch oft wirklich treffsicher, doch mittlerweile hat man das sich ständig wiederholende Prinzip – das eben auch zu einem großen Teil daraus besteht, dass die Figuren einfach nur Schimpfworte von sich geben – eben durchschaut und es erweist sich nicht als so strapazierbar, wie von den Machern vielleicht erhofft.

So wirkt die Meta-Masche zuweilen etwas müde, aber insbesondere die Seitenhiebe gegen den unterschwelligen Sexismus und Rassismus in Big-Budget-Studiofilmen kommen nicht nur ohne aufdringliche Moralkeule aus, sondern sind gerade in ihrer Spitzfindigkeit lustig. Die Autoren, zu denen sich diesmal auch ganz offiziell Hauptdarsteller Ryan Reynolds gesellt hat, nehmen einmal mehr alles Mögliche und Unmögliche ins Visier, worüber man herziehen könnte – vom „Green Lantern“-Engagement des Stars über jedes erdenkliche Klischee des Superheldenkinos bis hin zur bierernsten Konkurrenz aus dem DC-Universum (wo Cable aufgrund seiner dunklen Stimme ja eigentlich hingehört!) ist erneut nichts vor Deadpools derben Sprüchen sicher. Selbst wer nur jeden zehnten davon lustig findet, kann sich immer noch hin und wieder genüsslich die Seele aus dem Leib lachen.

Fast ganz ohne Einschränkung gelungen, sind die Actionsequenzen. David Leitch, der bereits bei der Inszenierung von „John Wick“ und „Atomic Blonde“ sein Gespür für gleichermaßen hochmoderne wie zum Großteil handgemachte Nahkampfszenen und Ballerorgien bewiesen hat, sorgt mit Hilfe seines Stammkameramanns Jonathan Sela für Übersicht und – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz neue Perspektiven. Wer schon immer mal wissen wollte, wie eine Autoverfolgungsjagd aus der Sicht eines Auf-dem-Kopf-Stehenden aussieht, hier kann er es erleben. Auch eine bewusst derb inszenierte Mischung aus tumber Schlägerei, blutiger Schießerei und puren Martial Arts fällt nicht nur durch ihre muntere Brutalität auf, sondern auch durch ihre unwiderstehliche Dynamik. Darüber hinaus wird einmal mehr in Nahaufnahme durch Köpfe geschossen, Gliedmaßen werden abgetrennt und anschließend auf obskure Weise wieder zusammengeflickt. Das geht zum Teil nicht ohne Computereffekte vonstatten, die sich hier insgesamt sehr solide in das Geschehen einfügen.

Neben Ryan Reynolds als das Geschehen stets an sich reißende Hauptfigur (im Vorspann wird bereits darauf verwiesen, dass er die Bühne nicht gern mit anderen teilt…), kann „Deadpool 2“ nicht bloß mit einem bislang völlig unter Verschluss gehaltenen Cameo eines Hollywood-A-Promis punkten, sondern auch mit einigen hervorragenden Neuzugängen. Die gebürtige Berlinerin Zazie Beetz („Geostorm“) ist nicht nur mit der diverse Gagvorlagen liefernden Superkraft „Glück“ gesegnet (alles was sie braucht, um eine Krisensituationen heil zu überstehen, tritt tatsächlich ein – genial!), sondern überzeugt auch als toughe Kampfamazone und mit einem fantastisch trockenen Humor, mit dem sie selbst Deadpool hin und wieder die Show stiehlt. Schurkenspezialist Josh „Thanos“ Brolin genießt sichtbar seine Rolle als „Aushilfs-Terminator“ Cable, während die X-Force-Crew (die Bezeichnung X-Men ist schließlich nicht genderneutral) in ihren sehr kurzen Auftritten amüsante Akzente setzt. Eddie Marsan („7 Tage in Entebbe“) als betont geerdet aufspielender Mutanten-Feind ist dagegen eine echte Überraschung: Indem er sich vom überzeichneten Auftreten seiner Kollegen absetzt, sorgt er letztlich für die einzig wahre Bedrohung.

Fazit: Die sehr stilsicher inszenierte Actioncomedy „Deadpool 2“ ist eine typische Fortsetzung, deren Macher sich ganz auf die Erfolgsformel des Vorgängers verlassen. Das überrascht nicht mehr, ist aber über weite Strecken immer noch sehr komisch und sehenswert.
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