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Ferdinand - Geht STIERisch ab!
Kritik der falmouthhistoricalsociety.org-Redaktion
3,5
gut
Ferdinand - Geht STIERisch ab!
Von
Bislang standen die Blue Sky Studios nicht unbedingt im Verdacht, in ihre fröhlichen Slapstick-Animationshits (darunter die „Ice Age“- und „Rio“-Filme) über Gebühr erwachsene Themen einzubauen. Stattdessen eiferten die Macher lieber Cartoon-Klassikern wie den rasanten „Looney Tunes“ nach und orientierten sich an deren Figuren wie dem Road Runner und Wile E. Coyote – das beste Beispiel dafür ist das Eichhörnchen Scrat, das mit seinen brachialen Unglücksfällen bei der Jagd nach Nüssen Millionen kleiner und großer Fans zum Lachen brachte. Trotzdem traut sich Blue-Sky-Stammregisseur Carlos Saldanha in „Ferdinand – geht STIERisch ab“ nun an ein Thema, das für einen Kinderfilm ungewöhnlich ernst wirkt – nämlich den Stierkampf. Und mit der freien Verfilmung des Bilderbuchklassikers gelingt etwas Erstaunliches: Er weicht den dunkleren Seiten seiner Story nicht aus und bereitet seinen (kleinen) Zuschauern trotzdem viel Freude.

Schon als kleiner Stier schnuppert Ferdinand (deutsche Stimme: Daniel Aminati) lieber an Blumen als sich mit den anderen Jungstieren im Kampf zu messen. Als sein Vater in die Arena geholt wird und nicht zurückkehrt, flieht Ferdinand von der Farm und landet schließlich bei der kleinen Nina, die ihn das Leben führen lässt, das der kleine Stier sich wünscht. Und so wächst er zu einem friedlichen Giganten heran. Doch als er Nina und ihrem Vater heimlich auf das Blumenfest im nächsten Dorf folgt, kommt es zur Katastrophe: Durch einen Bienenstich hat sich Ferdinand kurz nicht im Griff – und schon ist das halbe Dorf zerstört. Er wird eingefangen und trotz der Proteste Ninas zurück auf die Stierfarm gebracht, wo sich der Torero El Primero einen Stier für seinen letzten Kampf aussuchen will. Mithilfe der Beruhigungsziege Elvira (Bettina Zimmermann), seinen alten Stier-Kumpeln (unter anderem Max Giermann) und einer Bande extrem cleverer Igel versucht Ferdinand, zu verhindern, dass er als letztes Opfer des Star-Toreros endet…


Selten passt der Spruch „Die Mischung macht’s!“ derart gut auf einen Film wie auf „Ferdinand“. Denn ein sechsköpfiges Autorenteam hat hier genau die richtige Menge an Slapstick-Szenen (absoluter Höhepunkt: der Stier im Porzellanladen), hinreißende Nebenfiguren und überzeugend ernsten Momenten harmonisch zusammengebracht – die Balance zwischen Humor und Drama stimmt einfach. Heimlicher Star ist dabei die Ziege Elvira, die von Bettina Zimmermann nicht nur großartig hysterisch gesprochen wird, sondern zudem extrem witzig animiert ist. Auch die drei Lipizzaner auf der Nachbarweide, die im wundervollen Wiener Dialekt die „stinkenden Stiere“ beschimpfen, sind besonders für das ältere Publikum eine Schau. Und die drei Igel Una, Dos und Cuatro werden die Herzen der kleinen und der großen Zuschauer ganz sicher erobern, denn die stacheligen Helden mischen die Stierfarm gewaltig auf. Selbst damit hört die Liste der gelungenen Nebenfiguren aber noch nicht auf, denn auch die anderen Stiere haben alle nicht nur ihren eigenen Kopf, sondern auch ihre liebenswerten Eigenheiten.

An dem ständig präsenten Humor liegt es dann auch, dass die ernsten Stellen des Films so gut funktionieren – denn weil Regisseur Saldanha sie bewusst nicht durch einen Lacher auflöst, entfalten sie inmitten der vorherrschenden Gag-Parade eine umso stärkere Wirkung. Wenn einer von Ferdinands Mitstreitern nach einem schlechten Training direkt vom Schlachthof-LKW abgeholt wird, geht einem das selbst als abgeklärtem Kinogänger tatsächlich nahe. Und auch im gelungenen Finale wird (fast) nichts beschönigt, denn auch wenn auf der Leinwand kein Blut fließt, stellen die Macher sehr wohl heraus, was ein solcher Stierkampf für die gequälten Tiere bedeutet. Trotzdem vermeidet Saldanha den erhobenen Zeigefinger und zeichnet die Menschen nicht einfach nur platt als bösartige Monster. Da sieht man gerne ein wenig darüber hinweg, dass die Animationen hier einfach nicht mit der visuellen Brillanz von Konkurrent Pixar („Coco“) mithalten können. Vor allem die Hintergründe dürften manchmal ruhig ein wenig detailreicher ausfallen. Daran, dass „Ferdinand“ eindeutig zu den stärkeren Filme des Blue Sky Studios zählt, ändern aber auch diese Abzüge in der B-Note nichts.

Fazit: Die Macher von „Ferdinand“ trauen sich, auch ernste Themen anzusprechen – und liefern zum Ausgleich liebevoll geschriebene Figuren und jede Menge zündende Gags. Hier hat nicht nur der sanfte Held ein großes Herz, sondern der ganze Film.
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Kommentare

  • konnyturtle ..

    ich bin ein absoluter Stierkampf-Hasser und reagier eingetlich allergisch auf alles, was ihn irgendwie verharmlost. Besagtes Kinderbuch, das als Vorlage diente, ist so ein Machwerk und wurde schon mal in den 1950igern von Disney verfilmt. Als ob die Jungstiere danach gierten, sich mit Matatore in der Arena im fairen Zweikampf zu messen
    Der jetztige Streifen scheint das Thema schon etwas kritischer anzugehen. Es bleibt aber ein übler Nachgeschmack.
    Wenn jemand wirklich den Stierkampf in all seiner sadistischen Brutalität sehen will, dann kann ich nur Francesco Rosis Supermachwerk "Der Augenblick der Wahrheit" empfehlen. Dies mein absoluter Hassfilm macht ihn umso wichtiger, da er eigentlich als Huldigung auf den Stierkampf gedreht worden war. Dass Rosi als linker des italien. Kinos und "Meister der Zivilcourage" galt erstaunt umso mehr, sieht man seine totale Empathielosigkeit anhand der bösartigen Folterszenen - besonders ekelig die Novillada!

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